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Otto Dix

Werke

Biografie

„Nein, Künstler sollen nicht bessern und bekehren.

Sie sind viel zu gering. Nur bezeugen müssen sie.“ (1958)

1891-1910 | Jugend in Ostthüringen

1891 Geboren am 2. Dezember in Untermhaus bei Gera (Thüringen) als zweites Kind des Eisenformers Franz und der Näherin Louise Dix. Wächst mit drei Geschwistern in bescheidenen, doch nicht mittellosen Verhältnissen auf. Vater und Bruder sind engagierte Sozialdemokraten.

1898-1906 Besuch der Volksschule in Untermhaus. Erste künstlerische Förderung durch den Zeichenlehrer Ernst Schunke.

1906-1910 Dekorationsmalerlehre bei Carl Senff in Gera. Im Sommer 1910 als Geselle in Pößneck/Thüringen tätig.

1910-1914 | An der Kunstgewerbeschule Dresden

Von September 1910 bis August 1914 Besuch der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule in Dresden. Schüler von Max Rade und Richard Mebert (Ornament- und Naturmalen) sowie Johannes Türk (Figurenzeichnen). Seit 1912 Ausbildung in figürlicher Dekorationsmalerei beim Maler und Bildhauer Richard Guhr. Freundschaftliche Bindungen zu den Mitstudenten Otto Baumgärtel, Marga Kummer, Kurt Lohse und Otto Griebel.

1912/13 Wanderung durch Böhmen und Mähren sowie zwei Studienreisen nach Österreich und Italien.

1912-1914 Auseinandersetzung mit den Alten Meistern in der Gemäldegalerie. Künstlerische Initialerlebnisse in Ausstellungen der Avantgarde-Galerien Arnold und Richter (van Gogh, Februar 1912; Neue expressionistische Malerei, Januar 1914). Stilpluralistische Phase, vor allem Selbstporträts. Begeisterung für die Philosophie Friedrich Nietzsches.

1914-1918 | Im Ersten Weltkrieg

August 1914 als Ersatz-Reservist eingezogen. Ausbildung am schweren MG, seit Februar 1915 in Bautzen. Im September 1915 freiwillige Meldung an die Front. Bis Dezember 1918 Einsatz als MG-Schütze und Zugführer in der Champagne, an der Somme, im Artois und in Flandern sowie 1917 an der Ostfront. Dix ist einer der wenigen deutschen Künstler, der den Ersten Weltkrieg fast ohne Unterbrechung an vorderster Front als schicksalhaftes „Naturereignis“ erlebt.

1916 Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse. 1918 Verwundung und Beförderung zum planmäßigen Vizefeldwebel.

Umfangreiches Konvolut an realistischen, expressionistischen, kubofuturistischen und abstrakten Zeichnungen in Bleistift, Kreide und Tusche, daneben Gouachen.

1919-1923 | Kunstkämpfe in Dresden und in Düsseldorf

1919 Rückkehr nach Dresden. Bis 1922 Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste. Meisterschüler von Max Feldbauer und Otto Gußmann.

1919 Mitbegründer der „Dresdner Sezession – Gruppe 1919“. Beteiligung an spektakulären Ausstellungen in Dresden, Düsseldorf, Prag und Berlin (1. Internationale Dada-Messe der Berliner Galerie Burchard, Sommer 1920).

Freundschaft mit Conrad Felixmüller, der Dix 1920 in die Technik der Radierung einführt. Verbindungen zu den Berliner Dadaisten George Grosz und John Heartfield. Erste Kontakte zur Düsseldorfer Avantgarde-Gruppe „Junges Rheinland“.

1919/20 Entwicklung eines neuartigen, polemisch zugespitzten Realismus mit sozialkritischer Potenz. Dix reüssiert als „berühmt-berüchtigter“ Protagonist dieser Verismus genannten Strömung.

1924-1933 | Im Zenit – Berlin und Dresden

1924 endgültiger Durchbruch als anerkannter Künstler der deutschen Gegenwart. Der Berliner Kunsthändler Karl Nierendorf verlegt den Kriegszyklus und übernimmt in der Folgezeit die geschäftliche Vertretung von Dix. Eine erste Bildmonografie, eingeleitet von Willi Wolfradt, erscheint in der Reihe „Junge Kunst“ bei Klinkhardt & Biermann. Beteiligung an der „1. Deutschen Kunstausstellung“ in Moskau, Saratow und Leningrad mit 13 Arbeiten. Mitarbeit an den Mappenwerken „Krieg“ und „Hunger“ der Internationalen Arbeiterhilfe. Ende 1924 erfolgreiche Einzelausstellung (Aquarelle und Zeichnungen) im Kronprinzenpalais Berlin.

November 1925 Übersiedlung nach Berlin, Wohnung Kaiserdamm 20, seit 1926 Atelier Kurfürstendamm 190. Bekanntschaften im intellektuellen und künstlerischen Umkreis des Romanischen Cafés.

1925/26 Beteiligung an der programmatischen Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ in Mannheim und an der „Internationalen Kunstausstellung 1926“ in Dresden.

1933-1945 | Innere Emigration am Bodensee

April 1933 als einer der ersten Künstler in der NS-Zeit aus dem Lehramt entlassen wegen „Verletzung des sittlichen Gefühls und Zersetzung des Wehrwillens des deutschen Volkes“. Herbst 1933 erste öffentliche Diffamierung als „entarteter“ Künstler in einer Ausstellung im Lichthof des Dresdener Rathauses. Seit 1934 Ausstellungsverbot in Dresden. 1937/38 acht Hauptwerke stehen im Zentrum der Wanderausstellung „Entartete Kunst“. In nationalsozialistischen Säuberungsaktionen werden insgesamt ca. 260 Werke von Dix aus deutschen Museen beschlagnahmt.

Seit Sommer 1933 „Innere Emigration“ in Südwestdeutschland: zunächst auf Schloß Randegg im Hegau, seit 1936 in Hemmenhofen am Bodensee (bis zum Tod 1969 Hauptwohnsitz). Bis 1943 jährliche Besuche in Dresden (Atelier: Kesselsdorfer Straße 11). Dort Ende 1938 vierzehntägige Inhaftierung durch die Gestapo nach dem Attentat auf Hitler im Münchener Hofbräuhaus.

1946-1969 | Zwischen zwei „Deutschländern“

Februar 1946 Rückkehr nach Hemmenhofen.

Das expressive Spätwerk ist dominiert von Primamalerei und Lithografie.

Von 1947 bis 1966 jährliche Arbeitsaufenthalte in Dresden (Druck der Lithografien). Dix wird zum exemplarischen deutsch-deutschen Künstler und gerät zwischen die Fronten der abstrakten Nachkriegsmoderne westlicher Prägung und des sozialistischen Realismus in der DDR.

1955 Teilnahme an der documenta I in Kassel, Mitglied der Akademie der Künste, Berlin-Dahlem. 1956 Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste, Berlin (Ost). 1957 umfassende Retrospektive in der Akademie der Künste, Berlin (Ost). 1960 erste Auflage der bis heute grundlegenden Monografie von Fritz Löffler (Dresden).

Werk:

1910-1914 | Frühwerk

Das Frühwerk entsteht während der Studienzeit an der Kunstgewerbeschule Dresden von September 1910 bis zur Militäreinberufung im August 1914. Der kraftvolle Spätimpressionismus Geraer und Dresdener Landschaftsmotive wird 1912 abgelöst durch eine stilpluralistische Phase. Vor allem Selbst- und Freundesporträts sind bis 1915 Anlass zu Adaption und Transformation bildnerischer Erfahrungen, die der Eidetiker in der Dresdner Galerie Alter Meister und in Avantgarde-Galerien aufnimmt: von Dürer über Klinger und van Gogh bis zum Futurismus. Aus Begeisterung für die Philosophie Friedrich Nietzsches entsteht im Frühjahr 1914 die einzige plastische Arbeit. Der vitalistische Gedanke vom ewigen Kreislauf zwischen Geburt und Tod spiegelt sich 1913/14 vor allem in expressionistischen Tuschzeichnungen mit erotischen, christlichen und mythischen Sujets. Das Frühwerk zeigt erstmals den für Dix signifikanten Stilsynkretismus und das Grundthema seines Lebenswerkes: die Dialektik von Eros und Tod.

1914-1918 | Weltkrieg

Dix ist einer der wenigen deutschen Künstler, der den Ersten Weltkrieg von 1915 bis Dezember 1918 an vorderster Front als „Naturereignis“ erlebt und dabei sein Selbstverständnis ausformuliert: „Der Künstler: Einer, der den Mut hat, Ja zu sagen.“ [Kriegstagebuch, 1915/16] Neben knapp 500 Zeichnungen verzeichnen die Werkverzeichnisse von Löffler und Pfäffle lediglich fünf Gemälde bzw. 86 Gouachen. Dix probt auf tornistergroßen Packpapierblättern in Bleistift, schwarzer Kreide und Tusche sukzessive alle Gestaltungsmöglichkeiten der Moderne durch: von realistischer Gegenstandserkundung über expressionistische Formverzerrung und kubofuturistische Dingzerlegung bis zur abstrakten Endzeitvision. Schwerpunkt des Motivspektrums ist weniger der Soldatenalltag, vielmehr die bizarre Kriegsästhetik der Trümmer-, Trichter- und Grabenlandschaft. Im Vergleich zur veristischen Polemik der späteren Kriegskompositionen sucht der MG-Schütze das Grauen durch Stil zu „bannen“.

1919-1923 | Expressionismus – Dadaismus – Verismus

Nach dem Ersten Weltkrieg rückt Dix in Dresden, ab 1922 in Düsseldorf zum Enfant terrible der deutschen Kunstszene auf. Der Maler arbeitet mit expressionistischen Pathosformeln zunächst noch Themen der Vorkriegszeit auf, mit dadaistischen Kriegskrüppel- und Bordellszenarien kurz darauf seine Nachkriegserkenntnisse ab. Der Zeichner hingegen übt sich im lapidaren Erfassen der Realität. Auf diese Weise findet er zu „seinem“ Stil. „Kunst machten die Expressionisten genug. Wir wollten die Wirklichkeit ganz nackt, klar sehen, beinahe ohne Kunst.“ (1965) Dix avanciert 1920/21 zum Protagonisten eines neuartigen Brutalrealismus mit sozialkritischer Potenz und politischer Brisanz. Aus antibürgerlichen Stilattitüden kristallisieren sich wirklichkeitsnahe Bildformeln von aggressiver Schärfe heraus, die von der zeitgenössischen Kritik als „Verismus“ bezeichnet (P. Westheim) und am „linken Flügel“ der Neuen Sachlichkeit verortet (G. F. Hartlaub) werden. Mit dem Radierzyklus „Der Krieg“ erreicht Dix 1924 den Höhepunkt seines frühen grafischen Œuvres.

1924-1933 | Neue Sachlichkeit

Im Jahre 1924 zeigt sich ein Paradigmenwechsel. Der expressive Verismus nimmt in der Hinwendung zu altmeisterlicher Lasurtechnik und neutraler Linienprägnanz kühl konstatierende Züge und eine affirmative Tendenz an. Dix wird zum Meister der Neuen Sachlichkeit, des Stils der stabilisierten Weimarer Republik. Doch sein distanziertes Ja zur Gesellschaft trägt er nie ohne Sinn fürs Groteske vor. Seit Herbst 1925 in Berlin, ab 1927 als Professor der Kunstakademie wieder in Dresden, gelingt ihm der Durchbruch zu einer herausragenden Figur der Gegenwartskunst. Hauptwerke werden nun ausschließlich in der Malerei gestaltet. Dix profiliert sich vor allem als Porträtist der Weimarer Boheme und Intellektuellenszene. Den zentralen Motivwelten Krieg und Großstadt widmet er zwischen 1927 und 1932 zwei Triptychen mit komplexen ikonografischen Programmen. Die Zeichnung bleibt hingegen den Einzelphänomenen der Wirklichkeit verpflichtet. Gegen Ende der 20er Jahre rezipiert Dix auf der Suche nach einer genuin deutschen Kunst verstärkt Renaissance und frühes 19. Jahrhundert. Das „Neue in der Malerei“ ist ihm „Steigerung der eben bei den alten Meistern bereits im Kern vorhandenen Ausdrucksformen. Für mich bleibt jedenfalls das Objekt das Primäre, und die Form wird erst durch das Objekt gestaltet.“ (1927)

1933-1945 | Innere Emigration

Während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland wird Dix – bereits im Frühjahr 1933 aus der Dresdner Kunstakademie entlassen – als „entarteter“ Künstler diffamiert. Er emigriert nicht ins Ausland, sondern tritt den Rückzug in eine „Innere Emigration“ an: an den Bodensee (Hemmenhofen) und in die Kunstgeschichte. Die biografischen Katastrophen sind Anlass für große Sinn- und Zeitbilder in Öl. 1933 zeigt sich dabei die Neigung zum Historismus mit naturalistischen und eklektizistischen Akzenten heraus, vier Jahre später eine ikonografische Wende zur christlichen Thematik. Seit 1934 erobert sich Dix, der die Großstadt als Arbeitsstimulans und Bildsujet vermisst, die Landschaft als künstlerisches Thema. Er macht sie in der Tradition der Romantik zum Schauplatz inneren Erlebens. Seit 1937 beansprucht die christlich-altmeisterliche Allegorie mit mehr oder weniger deutlichem Zeit- und Selbstbezug immer größeren Raum. In der jahrelangen Arbeit an Bildzyklen zu Archetypen wie den Heiligen Christophorus und Antonius und schließlich mit einem Christus-Zyklus versucht der Menschenbildner einer Ausdünnung seines Ideenfundus vorzubeugen.

1946-1969 | Spätwerk

Das Spätwerk gründet sich auf die Selbstbefreiung vom kunsthistorischen Eklektizismus. Dix wirft 1944/45 den „Renaissancekram über Bord“ und wendet sich wieder der Primamalerei und expressiver Ausdruckssteigerung zu. Diese „neue Art von Sehen“ entlädt sich nach der Kriegsgefangenschaft in explosiver Produktivität (bis 1949: 150 Gemälde und über 200 Pastelle). Dix entwickelt einen neoexpressionistischen Verismus von expliziter Aussage- und Stilschärfe. In der Vergegenwärtigung christlicher Ikonografie findet er zu aktuellen Sinnbildern von Schuld und Sühne. Das zentrale Interesse der letzten zwei Lebensjahrzehnte gilt weiterhin dem (Selbst-)Porträt, daneben: religiöses Sujet und bäuerliches Genre, Kinder und Tiere, Stilleben und Landschaft. Nach 1948 wird die Druckgrafik zum sicheren Ausdrucksmittel. Das umfangreiche lithografische Spätwerk entsteht vor allem in Dresden (ehemalige DDR). Im ausdauernden Pendeln über eine Staatsgrenze und zwei Staatskünste hinweg – „Ich mal’ weder für die noch für die. Tut mir leid.“ (1963) – avanciert Dix zum exemplarischen deutsch-deutschen Künstler.

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