Der expressionistische Maler und Grafiker Otto Mueller (1874-1930) wurde am 16. Oktober 1874 in Liebau (heute Lubawka in Polen) als zweites von sieben Kindern des Leutnants und Steuerbeamten Julian Mueller und seiner Frau Marie Maywald geboren.
Zusammen mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebte Otto Mueller die ersten Jahre seines Lebens auf dem Gutshof der Grosseltern im schlesischen Riesengebirge. 1882 zog die Familie zum Vater nach Görlitz, wobei die Kinder in den Ferien weiterhin zu den Grosseltern fuhren.
Nach dem Abbruch des Gymnasiums begann Otto Mueller 1890 eine Lithografenlehre. Zuerst als Volontär an der Görlitzer Lithografenschule, danach bei einem Lithografenmeister.
Von 1894 bis 1897 studierte Otto Mueller an der Dresdner Kunstakademie bei den Professoren Georg Hermann Freye, einem Vetter der Brüder Carl und Gerhart Hauptmann, und 1896 bei Carl Ludwig Noah Bantzer (1857–1941). Eine Zeit lang wohnte er in Dresden bei der Schwester der Brüder Carl und Gerhart Hauptmann, Lotte Hauptmann, und ihrer Gefährtin Mathilde Jaschke Zum Freundeskreis Muellers zählten Richard Dreher (1875–1932), Carl August Rade (1878–1954), Kurt Eberhard Göllner (1880–1959) und Paul Kother.
Den Winter 1898/99 verbrachte Otto Mueller gemeinsam mit Paul Kother in München. Carl Hauptmann bezieht sich in seiner Erzählung Habakuk auf diese Zeit und die Biografie des Künstlers. Trotz Unterstützung seitens Gerhart Hauptmanns wurde er nicht in die Klasse Franz von Stucks (1863–1928) aufgenommen: „Sehr verehrter Herr Hauptmann! Ihr Schützling hat sich bei mir gemeldet, bevor ich Ihren lieben Brief bekam. Leider war es mir unmöglich, ihn in meine Schuleaufzunehmen, da diese schon voll gepfropft ist. Vielleicht ist die Aufnahme im Sommer Semester möglich, es würde mich sehr freuen, wenn ich gefällig sein könnte.“ Otto Mueller entschloss sich, seine Studien der Malerei selbstständig fortzusetzen.
1898 ging er mit seinem Malerfreund Paul Kother nach München, um an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste sein Studium der Malerei fortzusetzen. Doch obschon der 1895 als Professor an die Akademie berufene Franz von Stuck bereit war, ihn anzunehmen, liess Otto Mueller sein Vorhaben schon nach der ersten Korrektur aus ungeklärten Gründen fallen. Stattdessen beschloss er, fortan die Malerei im Selbststudium zu betreiben, wobei ihn laut Mario Andreas von Lüttichau (Otto Mueller. Ein Romantiker unter den Expressionisten, 1993) insbesondere die Werke von Hans von Marées und Arnold Böcklin anzogen.
Das Frühjahr und den Sommer 1899 verbrachte er allein in Wolfratshausen, südlich von München, im Herbst kehrte er nach Dresden zurück. Dort verkehrte er im Kreis der Elbier. Er machte die Bekanntschaft von Maria Mayerhofer (1880–1952), genannt Maschka. Sie wurde seine Geliebte, Lebensgefährtin, Ehefrau (1905 bis 1921) und sein wichtigstes Modell. Ihre intensive Partnerschaft existierte trotz der Scheidung 1921 und anderer Beziehungen des Künstlers bis zu seinem frühem Tod weiter. Maschka wiederholte öfters, dass sie bedauerte, ihn verlassen zu haben. Otto Muellers Schwester Emmy notierte in ihren Erinnerungen dazu: »Das Geniale in ihr wirkte befruchtend auf Muellers Schaffen. Ihr sinnliches, dämonischesWesen brachte Mueller jedoch viel Herzeleid und störte die Harmonie«.
Maria Mayerhofer wird im Katalog von Tanja Pirsig-Marshall und Ann-Catherine Weise als starke, eigenständige Frau, Putzmacherin (Modistin) und Malerin beschrieben, die Otto Mueller oft als Modell diente, angefangen bei den frühen Porträts, den Figurenbildern mit Eidechse, dem Stehenden Mädchenakt mit Dolch (Lukretia) und Kleopatra, den Darstellungen der Tänzerinnen und Tanzpaaren, Badenden und Akte bis hin zu den Bildnissen der 1920er Jahre, in der sie einen zeittypischen Bubikopf trägt.
Gemeinsam mit dem Schriftsteller Gerhart Hauptmann und dessen Sohn Ivo reiste Otto Mueller 1901 nach Lausanne in die Schweiz und nach Pallanza in Italien. Mit Gerhart Hauptmann und seinen drei Söhnen vebrachte er 1901 Zeit auf Hiddensee. Die folgenden Jahre zog es ihn zusammen mit Maschka an verschiedene Orte im Riesengebirge. 1904 wohnte Otto Mueller in Rockau bei Dresden.
1905 erfolgte die erwähnte Hochzeit mit Maschka in Schönfeld bei Dresden. Dies war das Jahr, in dem am 7. Juni die Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt- Rottluff die Künstlergruppe Brücke in Dresden gründeten. Als Künstler waren sie Autodidakten auf der Suche nach neuen, direkten Ausdrucksformen. Sie lehnten sich gegen konventionale Mal- und Lebensweisen auf, brachen mit der akademischen Tradition.
1906 wurden Werke von Otto Mueller in einer Gruppenausstellung im Sächsischen Kunstverein in Dresden gezeigt. Laut Katalog war der junge Künstler von Cezanne, Gauguin und Matisse beeinflusst. Doch am wichtigsten seien für ihn die Mitglieder der Künstlergruppe Brücke gewesen: Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Max Pechstein.
1906–07 lebten Otto und Maschka überwiegend in Mittel-Schreiberhau bei Carl Hauptmann. Im Herbst folgte der Umzug nach Berlin, wo sie zunächst bei seinen Eltern in Steglitz und dann in der Nähe, Hubertusstraße 4, wohnten Otto Mueller wurde damals Teil des »Literarischen Zirkels« um den Verleger Samuel Fischer und verbrachte den Sommer mit Maschka in Sierksdorf an der Lübecker Bucht.
Im März 1908 bezog Otto Mueller seine Atelierwohnung im Dachgeschoss der Mommsenstrasse 60 in Berlin. Im November 1911 übernahm es Erich Heckel, im Dezember 1919 Otto Herbig.
1908 verbrachten Otto Mueller und Maschka zusammen mit seinen Schwestern den Sommerurlaub auf der Insel Fehmarn, wo eine Reihe von Darstellungen von badenden Mädchen am Strand entstanden.
1909 folgt eine Ausstellung mit Otto Muellers Arbeiten in der Galerie Gurlitt in Berlin, gemeinsam mit Werken von Carl Hofer. In jenem Jahr sind Die großen Badenden von Paul Cézanne in der XVIII. Ausstellung der Berliner Secession in Berlin zu sehen. In der Hauptstadt zeigte zudem der Galerist Paul Cassirer Werke von Henri Matisse.
Der Zirkus Sarasani organisierte ›Völkerschauen‹ mit marokkanischen Artisten in Dresden und von April bis Mai 1910 gastierte »Das Afrikanische Dorf. Neue Sittenbilder aus Afrika« in Dresden. Zeichnungen von Ernst Ludwig Kirchner können laut Katalog mit diesen Ereignissen in Verbindung gebracht werden.
1910 waren Otto Muellers Werke Teil der Ausstellung der Zurückgewiesenen der Berliner Sezession im Kunstsalon Maximilian Macht. Dort stellten auch die Brücke-Künstler aus. In jenem Jahr kam es zur Gründung der Neuen Secession, einer Abspaltung der Berliner Secession, deren Mitglied Otto Mueller wurde.
Otto Mueller freundete sich mit den Brücke-Künstlern Erich Heckel (1883–1970) und Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) an und nahm daraufhin im Herbst jenen Jahres an deren bedeutender Ausstellung in der Galerie Arnold in Dresden teil, die den Brücke-Künstlern zum Durchbruch verhalf, sie weit über die Stadt hinaus bekannt machte. Parallel zu ihren Werken wurden solche von Paul Gauguin ausgestellt.
Otto Mueller wurde 1911 offiziell Mitglied der Brücke, deren Künstler in jenem Jahr von Dresden nach Berlin übersiedelten, wo ihr Zusammenhalt nicht mehr so eng war. Die Expressionisten hatten 1910 zusammen mehrere Wochen an den Moritzburger Teichen bei Dresden verbracht.
Otto Mueller und Maschka kündigten im März 1911 ihre Berliner Wohnung und verbrachten den April bei Marie Hauptmann in Dresden. Von dort reisten sie nach Prag und verbrachten den Sommer im tschechischen Mníšek pod Brdy. Die Unterkunft stellte ihnen der Farbenfabrikant Nowak zur Verfügung. Otto Mueller traf damals die tschechischen Künstler Emil Filla, Bohumil Kubišta,Vincenc Beneš, Emil Artur Pittermann, Otakar Kubín und Willi Nowak. Ernst Ludwig Kirchner gesellte sich Ende Juli ebenfalls für zehn Tage zu ihnen. Mueller und Kirchner arbeiteten im August und September gemeinsam in Kirchners Atelier in Dresden. Im November bezog Otto Mueller eine neue Atelierwohnung in der Varziner Strasse 8 in Berlin.
1912 stellte die Brücke in der Galerie Gurlitt in Berlin aus sowie gemeinsam mit der tschechischen Künstlergruppe Osma (Die Acht) in Prag. Zudem beteiligte sich Otto Mueller an der 2. Ausstellung der russischen Künstlergruppe Karo-Bube in Moskau sowie an mehreren Ausstellungen des Blauen Reiters und der Internationalen Kunstausstellung des Sonderbundes westdeutscher Kunstfreunde und Künstler in Köln. 1912 wurde eine Zeichnung von Otto Mueller, die sich heute in der Albertina in Wien (Kat. 60) befindet, im Almanach Der Blaue Reiter von 1912 veröffentlicht.
Den Begriff „Expressionismus“ prägte übrigens der Berliner Verleger, Schriftsteller und Kunsthändler Herwarth Walden (eigentlich Georg Lewin) erst im Jahr 1911. Die Künstlervereinigung Brücke löste sich bereits 1913 nach internen Differenzen auf, doch Otto Mueller blieb den anderen ehemaligen Mitgliedern weiterhin eng verbunden. Im Sommer besuchte er gemeinsam mit seiner Frau Maschka seinen Freund Ernst Ludwig Kirchner auf der Ostseeinsel Fehmarn, wo sich auch Max Pechstein aufhielt. Zudem nahm Otto Mueller 1913 an der Herbstausstellung der Berliner Secession um den Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer teil.
1914 verstarb Maschkas Schwester. Ihr Vater, Eugen Mayerhofer, zog daraufhin zu Otto Mueller und seiner Frau nach Berlin. Während Maschka im Sommer nach Warnemünde fuhr, blieb Otto in der Hauptstadt. Im Herbst verbrachten alle drei zusammen sechs Wochen in Niederschlesien, in Bad Reinerz und dem Klessengrund.
1914 beteiligte sich Otto Mueller an der 1. Ausstellung der Freien Secession in Berlin. In jenem Jahr ging die Freie Secession aus der Neuen Secession in Berlin hervor.
Im Dezember 1915 wurde Otto Mueller mit der Gestaltung des Eingangsraums des neuen Gebäudes der Freien Secession am Kurfürstendamm beauftragt, an dem er im folgenden Jahr zu arbeiten begann. 2016 beteiligte er sich zudem an der 2. Ausstellung der Freien Secession in Berlin.
Am 10. Juli 2016 wurde Otto Mueller zum Kriegsdienst einberufen. Von Ende Juli bis Ende Januar 1917 diente er als Armierungssoldat im belgischen Namur. In Berlin zog er um an die Wilhelmshöher Straße 18.
Im Februar 2017 wurde er nach Nordfrankreich versetzt. Im April zog er sich eine Lungenentzündung zu und wurde ins Reservelazarett nach Neuss verlegt. Hier schuf er einige Auftragsporträts. Mitte September wurde er an die polnisch-ukrainische Grenze versetzt. Um die Bilderverkäufe in Berlin kümmert sich Maschka. Trotz Kriegsdienst waren Werke von Otto Mueller auf der Großen Berliner Kunstausstellung in Düsseldorf, der 3. Ausstellung der Freien Secession in Berlin, auf der Herbstausstellung der Galerie Arnold in Dresden und in der Ausstellung deutscher Malerei, 19. und 20. Jahrhundert der Zürcher Kunstgesellschaft im Kunsthaus Zürich zu sehen.
1918 nahm er an Großen Kunstausstellung im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden teil. In jenem Jahr wurde der Soldat Otto Mueller als Zeichner nach Berlin zur Luftschifffahrtsabteilung versetzt.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Otto Mueller 1919 an die Breslauer Akademie als Lehrer für Aktmalerei berufen. Bis zu seinem Tod 1930 arbeitete er dort als Professur an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe. Zu seinen Kollegen gehörten der Maler Oskar Moll, der Architekt Hans Scharoun und der Maler, Bildhauer und Bühnenbildner Oskar Schlemmer, der zuvor von 1920 bis 1929 am Bauhaus in Weimar und Dessau tätig gewesen war.
Maschka trennte sich 1919 von Otto Mueller, ging nicht mit nach Breslau. Seine Schülerin Irene Altmann wurde seine neue Lebensgefährtin. Laut Brücke-Museum scheiterte die Beziehung, da deren Vater eine Heirat mit einem nichtjüdischen Mann verbot.
1919 hatte Otto Mueller seine erste Einzelausstellung mit 37 Werken in der Galerie Paul Cassirer in Berlin. Er wurde zu einem der wichtigsten Künstler der Galerie Möller. Deren Inhaber, Ferdinand Möller, zeigte Zeichnungen und Lithografien von Otto Mueller in seinen Privaträumen in Breslau.
1920 zeigte der Künstler Gemälde, Zeichnungen und Grafiken in der Galerie Arnold in Dresden. 1921 liess er sich von seiner Frau Maschka scheiden und trennte sich von seiner Lebensgefährtin Irene Altmann.
Im August 1921 nahm Otto Mueller an der 16. Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes in der Kunsthalle Hamburg sowie an der Eröffnungsausstellung der Modernen Abteilung der Galerie Dr. Fritz Goldschmidt und Dr. Victor Wallerstein in Berlin teil. In dieser Zeit wurde er Mitglied im Künstlerbund Schlesien, der der Breslauer Akademie nahestand.
Im Frühjahr 1922 erschien seine erste Mappe Otto Mueller: 10 Lithographien. In jenem Jahr heiratete er Elsbeth Lübke, wie Irene Altmann eine Schülerin an der Breslauer Akademie. 1925 kam ihr gemeinsamer Sohn Josef zur Welt. Dennoch hielt ihre Ehe nur bis 1927.
1923 folgte eine weitere grosse Einzelausstellung in der Galerie Ferdinand Möller sowie die Teilnahme an der Gruppenausstellung Kreis der Brücke in der Galerie Möller sowie in der Galerie Dr. Fritz Goldschmidt und Dr. Victor Wallerstein in Berlin. Auf Vermittlung Möllers nahm Otto Mueller zudem an der von Wilhelm R. Valentiner organisierten Ausstellung Modern German Art in der Anderson Gallery in New York teil.
Den Sommer 1923 verbrachte er gemeinsam mit Erich und Siddi Heckel an der Flensburger Förde. 1924 folgte seine erste Reise nach Südosteuropa in Begleitung von Maschka, die sie nach Sarajewo in Bosnien sowie Dubrovnik und Split an der dalmatinischen Küste führte. 1925 folgte eine Reise nach Szolnok an der Theiss in Ungarn.
Nach der Scheidung von Elsbeth Lübke 1927 blieb der gemeinsame Sohn bei der Mutter in Berlin. Die auf einem Akademiefest kennengelernte Elfriede Timm wurde Otto Muellers neue Lebensgefährtin. Im Sommer reiste er erneut nach Szolnok an der Theiss. 1927 stellte Otto Mueller zudem auf der Eröffnungsausstellung der Galerie Ferdinand Möller am Schöneberger Ufer in Berlin aus.
1928 reiste er gemeinsam mit Elfriede Timm nach Paris und später über München und Passau nach Lom in Bulgarien. In jenem Jahr werde Werke von ihm mehrfach in der Galerie Ferdinand Möller in Berlin gezeigt. Auf der Ausstellung Deutsche Kunst in Düsseldorf wurden seine Gemälde mit einer Medaille ausgezeichnet. Eine Einzelausstellung des Künstlers in den Räumen des Künstlerbunds präsentierte insgesamt 23 seiner Öl- und Pastellbilder. Die Schau 1928 gilt als sein »letzter großer Triumph«.
Die Gesellschaft der Freunde Junger Kunst in Braunschweig widmet ihm von November bis Dezember 1929 eine große Einzel ausstellung. Zudem ist er Teil der »Künstlerbund-Ausstellung« in Berlin, ebenfalls noch im Jahr 1929.
Im Sommer 1929 reiste Otto Mueller nach Budapest und von dort aus nach Plovdiv in Bulgarien. Den Winter verbrachte er gemeinsam mit Erich Heckel im Riesengebirge und hoffte auf Besserung seines fortschreitenden Lungenleidens.
Die Galerie Möller stellte 1930 eine grosse Zahl seiner Werke aus. Im Frühjahr Reise nach Dalmatien. Da sich sein Gesundheitszustand extrem verschlechtert, reiste er Anfang Juli zur Kur nach Bad Salzbrunn im Riesengebirge und heiratete sechs Tage vor seinem Tod seine letzte Lebensgefährtin Elfriede Timm. Am 24. September 1930starb Otto Mueller in der Lungenheilanstalt Obernigk bei Breslau.
Sein Nachlass wurde 1931 unter seinen drei Ehefrauen aufgeteilt. In jenem Jahr fanden Gedächtnis-Ausstellungen zu Otto Mueller in Breslau und Berlin statt.
Die Nazis beschlagnahmten später über 400 Werke von Otto Mueller. Allein 1937 wurden 357 seiner Arbeiten aus deutschen Museen entfernt. 26 seiner Werke waren in der Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München zu sehen.
Seine Zigeuner-Mappe mit neun farbigen Lithographien von 1927 bildete den Höhepunkt seines Schaffens. Er hatte Spalato und Sarajevo besucht, wie seine Schwester Emmy berichtete, wo er von Zigeunern aufgenommen wurde und unter ihnen lebte wie einer der ihren. Auch die Bilder, die in Muellers letzten drei Lebensjahren von 1927 bis 1930 entstanden, zeugen von Muellers künstlerisch ausgeprägtester Phase.
In seinen Landschaftsbildern gab Otto Mueller nur ganz einfache Anblicke: Baumstämme an einer Wasserlache, einen Dünenhang, Gartenzäune am Bachlauf und Bäume mit Weg.
Er empfand die Landschaft nie als heroische Szenerie, nie als „dramatisch“, nicht einmal als „pittoresk“. Nüchtern und doch mit starker Empfindung schilderte er die Landschaft.
Seine Landschaftsbilder sind wie eine Beschwörung der absoluten Ruhe der Natur. Man hört aus ihnen kein Wipfelrauschen, kein Wettergrollen, keinen Wellenschlag. Nichts regt sich – es herrscht die tiefe atemlose Stille.
Der Freude am Experimentieren, die sich Otto Mueller vor der gespannten Leinwand versagte, ist er -mit der Fettkreide in der Hand über den Kalkschiefer gebeugt – gern gefolgt. Er hat auf dem Stein kühn und ausschweifend gearbeitet, sich vom körnigen, die Kreide gut fassenden Grund anregen lassen und sich sogar handschriftlich zügige Formulierungen erlaubt, ja, er hat die Lust am Risiko genossen und das unvorhergesehene Ergebnis, wenn es ihm tauglich erschien, gern angenommen. Was Wunder, dass die graphischen Blätter allesamt weniger „endgültig“, meist frischer und spiritueller wirken. Otto Mueller sind mit der Fettkreide graphische Kostbarkeiten von hohem Rang gelungen, denen das Auge mit Genuss nachgeht. Das Gewicht der Hand hat sich genau als Verdünnung oder Verdickung der Linie auf die Platte übertragen. Man kann es als Abenteuer empfinden.
Otto Muellers Werk gibt ein Beispiel großer Selbstdisziplin. Er muss die schnellfertige Art der Vielmaler verachtet haben, die noch mit der Auswahl des halbwegs Gelungenen aus der hektischen Produktion ihre Gemeinde zu verblüffen wissen. Otto Muellers Kunst ist nicht das Ergebnis empirischer Auseinandersetzungen und theoretischer Grübeleien. Er war weder ein Experimentierer noch eine Kraftnatur, die – selbst mit dem Risiko des Versagens –
den letzten Einsatz wagt. Für den Verzicht an interessant machenden Effekten hat er seinen Gemälden aber Zeiten und Moden überdauernde Solidität gewonnen, handwerklich sinnliche Qualitäten, subtile Reize der Oberfläche, die gute „peinture“. Die Schlacken der Zeitgebundenheit, die soviele Bilder aus expressionistischem Erbe heute nurmehr als historische Dokumente erscheinen lassen, haften dem Werk Otto Muellers nicht an.
Es bleibt bestaunenswert, wie er es vermochte, sich dem agitatorisch erhitzten, heftigen Kunstgetriebe der Nachkriegszeit zu entziehen, wie er sich der Einmischung in die babylonische Sprachenverwirrung enthielt und sich zurückzog in die vier Wände seines Breslauer Ateliers und, nur seinem sicheren Qualitätsgefühl vertrauend, still an seinem Werk baute, ohne sich um Kunsttheorien zu kümmern. All die Namen, welche die Kataloge des inflatorischen Expressionismus enthalten, sind vergessen oder haben kaum noch Klang. Otto Muellers Bilder hingegen behalten Bestand, weil sie vollkommene künstlerische Realisationen sind, vollkommen in der Auffassung wie im Handwerk. Sie haben ihre magische Anziehungskraft, den Nimbus des echten Kunstwerks, einen unerklärbaren Zauber über die Jahre bewahrt. Vielleicht ist das Geheimnis seiner Kunst die glückliche Verbindung aus Traum, Leben und künstlerischem Esprit. Bis zu seinem Ende hat die Schönheit und Erlesenheit seiner Malerei nicht nachgelassen. Wie wenige Maler gibt es, von denen man das sagen könnte! Seine Malerei lässt seinen Charakter besser erkennen als alle Zeitgenossen.