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Die Heilung des Blinden (Christus als Arzt) - Otto Dix
Dieser eigenhändige Lebenslauf wurde von Otto Dix 1945 im Lager in Colmar für die französischen Militärbehörden verfasst, die die Gesinnungen der Gefangenen überprüften :

„ Ich bin geboren am 2. Dez. 1891 in Untermberg bei Gera.
Mein Vater war von Beruf Former.
Besuchte Volksschule in U.
Erlernte das Malerhandwerk.
Studium an der Kunstgewerbeschule und Kunstakademie Dresden.
Von 1914 – 1918 im Felde.
Nach dem Krieg wurde ich bekannt durch meinen Zyklus von 50 Radierungen die (den Krieg) die Schrecken des Krieges als Thema hatten
Außerdem durch einige große Gemälde den Krieg betreffend.
Von den Nazis wurde ich schon vor 33 wegen dieser Arbeiten heftig bekämpft.
Im Jahr 1926 wurde ich zum Professor ernannt und als Lehrer an die Akademie der bildenden Künste in Dresden berufen.
Über meine Kriegsradierungen schrieb u.a.Henry Barbüsse ein Vorwort.
Ich war im Präsidium der Deutsch-französischen Gesellschaft.
1933 wurde ich durch die Nazis sofort meines Amtes enthoben.
Wiederholte Haussuchungen durch die Gestapo.
Ich verließ Ende 1933 Dresden und wohne seitdem am Bodensee.
Während der ganzen Nazizeit war es mir verboten auszustellen oder meine Arbeiten in öffentlichen Geschäften zu verkaufen
Meine Bilder besonders mein großes Gemälde der Krieg waren Hauptstück in der großen (Ausstell) Naziausstellung „Entartete Kunst“. Durch die Presse wurde ich dauernd diffamiert und als abschreckendes Beispiel hingestellt
Meine Entlassung in Dresden erfolgte wie es in dem Schriftstück hieß: „weil ich den Wehrwillen des deutschen Volkes schädige“
Ich war der erste Kunstprofessor Deutschland(s) der entlassen wurde und stand auf der sog. schwarzen Liste.
1939 wurde ich als ich in Dresden arbeitete wegen Verdachts der Teilnahme an dem Hitler-Attentat im Münchner Bierkeller (verhaftet) durch die Gestapo verhaftet und eingesperrt(.) Meine Arbeiten aus dem Atelier fort geschleppt und zum Teil vernichtet(.) Nach gemeinen 3tägigen Verhören wurde ich wieder entlassen aber für einen (?) Monat unter Aufsicht der Gestapo gestellt.
Seit 1933 waren alle meine Bilder die (ich) in deutschem Museumsbesitz waren entfernt und der größte Teil vernichtet(,) der Rest im Jahr 1939 in Basel versteigert. — Da meine Kriegsbilder und Radierungen durch die Pazifisten gezeigt wurden(,) ich außerdem durch meine Kunst Beziehung zum Ausland hatte diente dieses den Nazis auch als Grund mich dauernd zu verfolgen und zu verdächtigen. Auch in Hemmenhofen hörten die Haussuchungen der Gestapo nicht auf.
1937 Ausstellung in meiner Heimatstadt Gera(.) die Bilder wurden einen Tag nach Eröffnung der Ausstellung abgehängt.
Beim Versuch des Kölner Kunstvereins Bilder von mir zu verkaufen wurde der Leiter des Kunstvereins Dr. Peters sofort entlassen(,) und es wurde strengstens verboten wieder den Versuch u unternehmen Arbeiten von Dix zu verkaufen.


In den deutschen Truppen kämpften auch Männer des Volkssturms, dieses „letzten, militärischen, meist schlecht bewaffneten und kaum ausgebildeten Aufgebotes zur Unterstützung der deutschen Streitkräfte bei der Verteidigung des Reichsgebietes, zwischen 16 und 60 Jahren“.
In einer solchen Truppe war auch Otto Dix. Am 15. März 1945 eingezogen lag er in Wintersdorf bei Rastatt. In seinen kurzen Mitteilungen an seine Familie klagte er vor allem über Hunger und schlechte Kleidung, schrieb aber auch am 3. April mit einem Anflug von Humor „Ich bin vorläufig noch gesund und munter“.

Die Front verschob sich dann nach Süden und in Richtung Schwarzwald : so sprechen die DN du Haut-Rhin am 17. und 18. April von Vorstößen im Rheintal und nach Horb und Freudenstadt. Dort machte die französische Armee in diesen Tagen 1.800 Gefangene. Einer von ihnen war Otto Dix, der einige Wochen später seiner Familie berichtet: „Liebe Leute, Ihr habt wohl schon gehört, dass ich seit dem 18. April in französischer Gefangenschaft bin“. Ob er direkt nach Colmar verbracht worden war, oder noch woandershin, warum er nicht in ein anderes, näher gelegenes Lager wie etwa Brumath oder Mutzig bei Strassburg verbracht worden war, ist nicht bekannt.

Die Kriegsgefangenenlager hießen offiziell „Camp/dépôt de prisonniers de guerre de l’Axe“, d.h. Kriegsgefangenenlager der Achsenmächte. Es gab also auch österreichische, ungarische und italienische Gefangene. Diese Lager unterstanden der Militärverwaltung. Im Elsass, der 10. Militärregion, gab es 5 Lager: Nr. 101 Strasbourg-Mutzig, 102 Colmar-Logelbach, 103 Brumath, 104 Mulhouse-Saint Louis und 105 Strasbourg. Frankreich hatte am Ende dieses Krieges einen enormen Bedarf an Arbeitskräften. Die Regierung dekretierte deshalb in einer Note vom 7. August 1945:

„Das Ziel, das wir mit Hilfe der Gefangenen-Arbeitskräfte erreichen müssen, ist ein Maximum an Arbeitsleistung für Frankreich durch ein Maximum an Personen“. Dazu müssten „die Kriegsgefangenen durch ausreichende Ernährung, Kleidung, Unterkunft und Schlafmöglichkeit, Hygiene und Pflege zur Arbeit befähigt werden“, und dazu durch „eine Disziplin ohne Schikanen noch Brutalität“ geführt werden.

Nach einer Mitteilung vom 17. Juli 1945 betrug die Anzahl der Kriegsgefangenen 543.000. Der französische Staat rechnete mit einer weiteren halben Million für August des Jahres durch, wie es hieß, „Lieferungen“ aus den USA, und noch nicht genug: Im Juli 1946 sollten die Regionen mit jeweils 100.000 Kriegsgefangenen versehen sein, um den Bedarf an Arbeitskräften in Industrie, Landwirtschaft, Handwerk sowie im Militärbereich zu decken. Diese Zahlen erwiesen sich jedoch schnell als illusorisch.

Am 1. September 1945 betrug die Gesamtzahl der Gefangenen Im Elsass 37.480, und mehr sollten es nicht werden. Dies war die höchste erreichte Anzahl. Woher rührte dieser gewaltige Unterschied zwischen der Vorhersage und der Realität?

Zum einen hatten sich die USA geweigert, Gefangene zu „liefern“, da sie nicht das notwendige Lebensniveau gewährleistet sahen. Zum anderen aus folgendem Grund, ich zitiere aus einem Brief des französischen Roten Kreuzes an den Präsidenten Frankreichs:

„Von 200.000 Männern sind nur ein Drittel arbeitsfähig. Die Gründe dafür sind Krankheit, Schwäche, schwere Unterernährung. Sie würden die Härten des Winters nicht überstehen“.

Hinzuzufügen ist, dass politisch unzuverlässige Gefangene nicht in Unternehmen geschickt wurden aus Sorge vor der Verbreitung der noch schwelenden Nazi-Ideologie. Ein anderer Brief schließlich hob hervor, dass die Essensration, die pro Person festgelegt war und „nach Möglichkeit“ ausgeliefert würde, eine Hungerration sei. Der Schreiber der Mitteilung empfahl, was für uns heute amüsant klingt, an die deutschen Kriegsgefangenen statt der teuren und seltenen Kartoffeln doch die in Frankreich reichlich vorhandenen Gerstengraupen auszugeben, die von den Deutschen sehr geschätzt würden.

Auf die 5 Lager im Elsass bezogen, bedeutete diese Zahl von etwa 38.500 Gefangenen ca. 7.500 Gefangene pro Lager. Ab den Monaten März/April 1945 füllte sich also das Gebäude in Colmar/Logelbach. Bei 5 Stockwerken war mit 1.500 Mann pro Etage zu rechnen! Eine enorme Anzahl. Die arbeitsfähigen Männer wurden in die Unternehmen der Umgebung geschickt, die durch eigens dafür eingerichtete Ämter Arbeitskräfte anfordern konnten. Darüber hinaus gab es in Orten der Umgebung kleine Außenlager mit unter 100 Männern wie etwa in Wintzenheim, Ribeauvillé, Sigolsheim u.a. So sprach Otto Dix in einem seiner Briefe von einem Bekannten, der in Ostheim stationiert war.

Die Lebensbedingungen waren schwer : Keine Betten, keine Decken und keine Heizung, die Gefangenen schliefen auf dem Eichenholzboden. Die hygienischen Umstände waren mit Sicherheit katastrophal, denn das Gebäude war nicht auf so viele Menschen eingerichtet. Das Schlimmste jedoch war, nach der Aussage des Lagerarztes und Mitgefangenen Dr. Lambert Heussen, der Hunger: „Wir verloren 4 – 5 Häftlinge pro Tag“. An dieser Stelle ist an eine Szene zu erinnern, die Dix Fritz Loeffler gegenüber so geschildert hatte: ein Gefangener hatte einem anderen Brot gestohlen. Er wurde von seinen Kameraden durch ein Spießruten-laufen bestraft, d.h. beim Abendappell musste ihm jeder Gefangene die Hand geben, bis er blutüberströmt zusammenbrach. Diese Szene hatte ihn, Dix, zu dem Gemälde
„Ecce Homo II“ mit Selbstbildnis hinter Stacheldraht 1948 inspiriert. Die Situation besserte sich erst, nachdem durch eine von Dix angefertigte Zeichnung, die an das Internationale Rote Kreuz in Genf geschickt worden war, dieses das Lager mit Nahrung versorgte. Die Zeichnung gilt als verloren.

Otto Dix kam also im April 1945 in das Lager Colmar – Logelbach. Wie er später seiner Familie berichtete, arbeitete er zuerst für 5 Wochen in einem Kartoffelschälkommando. Anschließend wurde er – ich zitiere:

„zum Minensuchkommando abgestellt, wo ich aber sofort beim Kommandeur vorstellig wurde und seitdem male“, so erzählte er nachträglich, am 4. September, seiner Familie. Ein Zeuge berichtete, dass der Lagerleiter anhand der Propyläen-Kunstgeschichte die Identität des Kriegs-gefangenen Dix überprüfte und dann schnell reagierte. Dr. Heussen, der schon erwähnte Lagerarzt, schrieb: „Der Lagerleiter erkannte sofort seine Chancen“. Er versetzte Dix in die Künstlergruppe, bzw. er gründete mit ihm eine solche und stellte ihr einen Raum zur Verfügung. Einige Namen dieser Künstlergruppe sind überliefert : Peter Jakob Schober (Stuttgart), Otto Luick (Ludwigsburg), Cziráki Lajos (Györ/Ungarn), der Graphiker W. Schick und der Bildhauer Hermann Berges (Wesel).

Der Lagerleiter gab der Gruppe einen ersten Auftrag, nämlich 12 großformatige De Gaulle-Bilder anzufertigen, die zu Wahlzwecken dienen sollten. Diese Bilder sind verschollen und der Kommandant ging noch weiter. Ich zitiere aus dem ersten Brief von Dix:

„…geht mir gut, ich male und darf in Zivil in die Stadt. Mit dem Maler Schober nahm ich zusammen ein Atelier“ (Brief vom 15. Juni).

Was war geschehen? Geneviève Biellmann-Gall, die älteste Tochter des schon genannten Malers Robert Gall, berichtete, der Kommandant sei zu ihrem Vater gekommen, um mit ihm darüber zu beraten, wie Dix zu helfen sei. Er, Gall, habe zwei Gefangene angefordert, und Dix und Schober seien als Gärtner zu ihm geschickt worden. Gall stellte ihnen sein Atelier zur Verfügung und nicht nur das Atelier, er lud sie zum Mittagessen ein, wozu Frau Biellmann anmerkte, dass ihre Mittagstafel nicht mit der der späteren Kunden zu vergleichen war. Sie waren eine 5-köpfige Familie und lebten bescheiden mit dem Einkommen, das die zu der Zeit wahrscheinlich wenigen Aufträge Galls einbrachten. Zwischen den beiden Männern begann damit eine lebenslange Freundschaft.

Anfang Juni etwa beauftragte der Kommandant seinen berühmten Gefangenen damit, einen Altar für die katholische Gefangenenkapelle zu malen. Im Dachgeschoss des großen Gebäudes waren eine evangelische und eine katholische Kapelle eingerichtet worden.

Dix nahm den Auftrag an, einen Altar für die Gefangenenkapelle zu malen. Der Kunsthistoriker Hans Wille hebt dieses als „beachtliches Geschehnis“ hervor. Er schreibt:

„Wir befinden uns an einem geschichtlichen Wendepunkt par excellence. Eine brutale, atheistische und kunstfeindliche Weltanschauung, die vermutlich noch viele Anhänger unter den Gefangenen besaß, war soeben überwunden worden. Der Künstler stand in der vordersten Reihe der (zuvor) als entartet gebrandmarkten Künstler. Er hatte zuvor zwar Bilder religiösen Inhalts gemalt, aber keins mit einer genauen liturgischen Zweckbestimmung, vollends keinen Altar für die katholische Kirche(…) Hier nun schuf er einen nach klassischen Regeln gearbeiteten Dreiflügelaltar…“.

Und Hans Wille fragte, welche Motive Dix bewogen haben mögen, den Auftrag anzunehmen : Gefälligkeit, der Wunsch, auf andere Menschen einzuwirken, Lebensbilanz ? Hatte er aber überhaupt eine andere Wahl und die Zeit zur Reflexion? Und welche Rolle spielte hierbei Robert Gall, der Maler der „Art Sacré“? War es nicht vielleicht seine Idee? Es war mit großer Sicherheit er, der Dix zum Isenheimer Altar geführt hatte.

Otto Dix machte sich an die Arbeit und berichtete in seinen Briefen mehrmals von den Fortschritten, immer unterstreichend, dass es um einen Altar für die Gefangenen ging, so am 25. Juli: „Der Altar für die Gefangenen (…) ist nun bald fertig, in der Mitte die Madonna, links Paulus, rechts Petrus als Schutzheilige der Gefangenen in Ketten, als Landschaft Berge, Gefangenenlager“.

Tatsache ist, dass dieses, den Gefangenen zugedachte Triptychon niemals in der katholischen Kapelle aufgestellt wurde, sondern, wie Fritz Loeffler es formulierte, „andere Liebhaber“ fand. Wir wissen heute – und nach Auskunft von Dr. Heussen pfiffen es damals die Spatzen von den Dächern, dass sich der Kommandant des Kunstwerkes bemächtigt hatte, sozusagen als Vergütung für seine Dienste. Näheres ist über diese Transaktion nicht bekannt. Die Enttäuschung und den Zorn des Künstlers kann man sich leicht vorstellen.

Das Triptychon verschwand also 42 lange Jahre. Im Jahre 1987, d.h. nach dem Tod des früheren Lagerleiters Ruff, wurde es von seinen Nachkommen im Kunsthaus Lempertz in Köln zum Verkauf angeboten – sehr zum Leidwesen der Colmarer Bevölkerung! Der Käufer, der Senat von Berlin, übergab es der katholischen Kirche Maria Frieden in Berlin-Mariendorf, wo es in einer Seitenkapelle als Pilgeraltar ausgestellt ist.

Otto Dix schuf danach ein zweites Altarbild, eine einfache Replik, die „Madonna von Colmar“. Dieses wurde 1945 tatsächlich in der Kapelle aufgestellt. Sie sehen hier auf dem Linolschnitt von W. Schick von 1946 das Bild. Rechts und links stehen ganz getrennt und unverbunden zwei Kohlezeichnungen von P. J. Schober, die Paulus und Petrus darstellen.

Im Sommer 1946 fand wiederum eine Transaktion statt. Hermann Berges, der Bildhauer, schreibt dazu (Erinnerungsbericht, enthalten in dem schon erwähnten Aufsatz von Hans Wille) :
„Im Sommer 1946 bekam ich von Pater Adalgar den Auftrag, eine Kopie der Dix-Madonna zu machen. Bei der Auflösung des Lagers sollte das Original verschwunden sein. (…) Nachdem ich die Fenster der Kapelle (Dachluken) mit farbigen Symbolen verdunkelt hatte, haben wir mein Machwerk (von Kopie möchte ich nicht sprechen) mit dem Original ausgetauscht. Schon im gleichen Sommer wanderte das Bild auf ganz dunklem Weg nach Beuron. Erst viel später hat Otto Dix durch Pater Adalgar von unserem Husarenstück erfahren“.

Die Freundschaft zwischen ihm und Gall war durch dieses Ereignis jedoch nicht beeinträchtigt. Gall nahm Dix mit in die Vogesen, wo er ein Haus besaß, oder auch zu Arbeiten in Kirchen – per Motorrad, wie mir Geneviève Biellmann-Gall sagte. Sie arbeiteten gemeinsam an Landschaftstudien oder auch Bestandsaufnahmen wie in diesem vom Krieg fast völlig zerstörten Dorf Ammerschwihr.

Gall war aber auch in anderen Angelegenheiten bemüht, dem Freund die Gefangenschaft zu erleichtern : Der Briefwechsel lief über ihn, er fuhr nach Zürich, um dort Freunde aufzusuchen, Farben und Tabak zu kaufen, kurz, er war ein treuer und zuverlässiger Freund, was Dix sehr schätzte und anerkannte. Gall seinerseits bewunderte Otto Dix unendlich. In ihren Auffassungen trafen sie sich bei der Beobachtung und bei Studien in der Natur, wichen aber in Bezug auf ihr Verhältnis zu Glauben und Religion voneinander ab. Während Dix seine Bilder für sich sprechen ließ, stellte Gall die seinen in den Dienst seines christlichen Glaubens.

Aber es gab auch andere Interessenten, Kunden, wie etwa das Ehepaar Dumoulin aus Logelbach. Sie luden Dix ein, den Tag bei ihnen zu verbringen, vom Frühstück bis zum Abend mit köstlichen friedens-mäßigen Speisen, Getränken und Rauchwaren, wie Dix in seinen Briefen berichtet.
Dafür, auch das unterstreicht er, malte er für dieses Ehepaar 5 Bilder : Zwei Porträts, eine Vogesenlandschaft, ein Ecce Homo, eventuell war diese zarte, introvertiert wirkende Jesusdarstellung für sie gedacht, und ein kleines Blumenstück.

Dix arbeitete unglaublich viel. Frédérique Goerig-Hergott, die Kuratorin des Unterlinden-Museums für die zeitgenössische Kunst, hat eine beeindruckende Anzahl von in Colmar entstandenen Gemälden und Zeichnungen gefunden bzw. deren Existenz festgestellt.

Wie ging es also Dix in diesen Monaten der Gefangenschaft? Lassen wir ihn selbst zu Wort kommen:

„Es ist das herrlichste Wetter, wie schön muss es jetzt am See sein. Trotzdem es mir hier nicht schlecht geht – ich möchte nun endlich wieder mal nach Hause, man kriegt das Gefangenenleben mal satt (am 21. September)“

Dix hatte Heimweh, das Leben in Unfreiheit machte ihn unglücklich. Der Arzt Dr. Heussen beschrieb den Künstler als diskret und lakonisch. Einige Personen, die ihm damals begegnet sind, haben ihn so wahrgenommen: Geneviève Biellmann-Gall, die Tochter von Robert Gall – sie war damals 14 Jahre alt – beschrieb ihn als „kultiviert aber nicht mondän“. Er habe auf sie alt gewirkt. Der Pastor i. R. Jacques Bäuerlé, junger Student damals, sagte von ihm :

„Dix erschien verschlossen und verbittert, sprach aber von seinem Plan, ein Altarbild in der Art des Isenheimer Altars zu malen“; und Frau Paule Ossola, die ihn als Kind im Garten von Galls erlebte, erinnert sich an eine recht große, magere und furchtbar traurige Person, und sie wiederholte :„Ich erinnere mich an das Gesicht des Mannes mit einem Blick von abgrundtiefer Traurigkeit“. Sie hat erst sehr viel später erfahren, wer diese Person gewesen war. Dr. Heussen charakterisierte den Maler im Lager als diskret und lakonisch.

Im Herbst wurden die Lebensumstände in dem riesigen, unwirtlichen Industriegebäude immer schwieriger. Dix hatte gesundheitliche Probleme, Es war kalt, die Befreiung schien wieder in die Ferne zu rücken, die Stimmung sank auf einen Tiefpunkt. Im November zog die Künstlergruppe in ein anderes Quartier, eine Kaserne in der Stadt Colmar um, und Dix war nicht dabei. Es herrschte sogar beim Wachpersonal Unklarheit über seinen Aufenthaltsort.

Dann stellte sich heraus, dass er die Erlaubnis erhalten hatte, einer Einladung des Autofabrikanten Maurice/Moritz Dürr zu folgen und zu ihm und seiner Familie nach Colmar zu ziehen, offiziell als Autolackierer, denn er hatte weiterhin den Status eines Gefangenen. Dort verbrachte er die Monate Dezember und Januar und feierte Weihnachten mit ihnen. Voller Dankbarkeit sprach er in seinen Briefen von diesem Aufenthalt, der ihm einen Vorgeschmack auf die Freiheit gab. Er malte zwei Porträts des Sohnes Paul André Durr und arbeitete auch an religiösen Themen.

Im Januar 1946 konnte er seiner Familie mitteilen, dass die Freilassung in greifbare Nähe rückte. Im Februar war es soweit. Mit vielen seiner Leidensgenossen wurde Otto Dix entlassen.

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